Ein Rückblick: Luzi zieht bei uns ein
Im Sommer 2008 machte ich mich auf die Suche nach einem Zweithund zu meiner sehr freundlichen, sorgfältig sozialisierten, ruhigen und gut erzogenen Australian Shepherd Hündin Peppi. Ich hatte genaue Vorstellungen: Mein Zweithund sollte schon erwachsen und stubenrein sein und ein paar Stunden alleine bleiben können, da ich in Teilzeit berufstätig war. Er musste nicht perfekt erzogen sein, denn ich suchte schon nach einer kleinen Herausforderung, aber für einen Welpen hatte ich definitiv nicht genug Zeit, und so kam der Wurf Aussie-Welpen, der Ende Juli bei unseren Freunden zur Welt kam, für mich auch gar nicht in Betracht. Aber es kommt ja immer anders, als man denkt.
Vier der acht Welpen gingen wie geplant mit acht Wochen zu ihren neuen Besitzern, die restlichen vier fanden aber
einfach keine Interessenten. Wir fuhren in Urlaub, wir kamen wieder, die vier Welpen waren immer noch nicht verkauft, und sie wurden immer älter und älter. Wir kamen nun alle paar Wochen mal zu Besuch. In ihrem heimischen Rudel, in dem sie sich sicher fühlte, war Luzi die kontaktfreudigste und schmusebedürftigste von allen, sie kroch jedem Besucher gleich auf den Schoß und war auch von unserer Peppi hellauf begeistert. Wir verliebten uns immer mehr in die Kleine, und so beschlossen wir im Dezember 2008, sie zu uns zu nehmen. Ich überlegte sogar, ob ich sie für den Besuchshundedienst ausbilden könnte, wie ich es auch schon mit Peppi gemacht hatte. Wir waren naiv und hatten keine Ahnung, was uns noch erwarten würde.
Probleme lassen nicht auf sich warten
Als Luzi (abgeleitet von Luzifer, was - mit einem Augenzwinkern gesehen - durchaus seine Berechtigung hat) im Alter von fast fünf Monaten bei uns einzog, wohnten wir noch mitten in Kiel und waren gerade dabei, unseren Umzug in unsere neue Wohnung, die etwas außerhalb der Stadt liegt, zu organisieren. Luzi musste also erstmal vom platten Land mitten in die Stadt. Da sie sich in ihrem Zuhause so zutraulich gezeigt hatte und auch schon ein paar Stadtausflüge nach Rendsburg gemacht hatte, dachten wir nicht, dass das ein Problem sei - Luzi lehrte uns eines Besseren: Vom ersten Tag an versuchte sie bellend und knurrend alles zu vertreiben, was ihr Angst machte, und das waren vor allem fremde Menschen und fremde Hunde. Für sie war es eine komplett andere Welt als ihr gewohntes Zuhause, und sie kam mit der Umstellung überhaupt nicht zurecht. Ich war schockiert, ich hatte nicht mit so vehementen Attacken und so tief sitzender Scheu gerechnet, da sie sich vorher in keinster Weise so gezeigt hatte. Meinen Traum vom Besuchshundedienst konnte ich mir also erstmal abschminken.
Wenn fremde Menschen an uns vorbeigingen, ohne uns zu beachten, dann war das Luzi zwar unheimlich, aber sie fühlte sich dadurch zumindest nicht bedroht. Aber wenn Menschen sie direkt ansprachen, was oft vorkam, da sie ja noch so klein und niedlich war, kam das für Luzi einem Angriff gleich, und sie ging sofort wild bellend in die Defensive. Sie zeigte niemals offensive Aggression, aber sie schien zu glauben, dass sie sich gegen alles und jeden verteidigen müsste. Je beengter die Situation war und je weniger Fluchtmöglichkeiten sie hatte, desto stärker war ihre Reaktion. Ich merkte schon: Hier wartete ein hartes Stück Arbeit auf mich.
Besonders schlimm waren für sie die großen, in der Stadt überall frei laufenden Hunde, die trotz der Rufe ihrer Besitzer nicht gehorchten und unaufhaltsam näher kamen, und die die völlig verängstigte junge Luzi beschnupperten und bedrängten. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so große Hunde gesehen. Sie geriet in Panik, und ich konnte ihr nicht helfen, weil sich die aufdringlichen Hunde nicht verscheuchen ließen. Luzi merkte, dass ich mich über die verantwortungslosen Hundebesitzer ärgerte, aber meine Aufregung steigerte nur ihre Angst. Es war ein Desaster! Ich wundere mich nicht, dass sie noch heute mit solchen Situationen besondere Probleme hat.
Begegnungen mit fremden Hunden fallen ihr bis heute schwer. Auch im Freilauf ist sie sehr unsicher, wobei es auf engen Wegen wesentlich problematischer ist als am weitläufigen Strand, auf fremdem Gebiet klappt es besser als auf bekanntem Gelände, und wenn Hunde mit uns laufen geht es besser als wenn sie uns entgegenkommen. Je größer die Hunde sind, desto schwerer fällt es Luzi mit ihnen klarzukommen und desto heftiger zickt sie sie an. Wenn allerdings zwei große Hunde auf sie zukommen, ist ihr die Übermacht zu stark, dann kann es schonmal vorkommen, dass sie schreiend die Flucht ergreift. Nur mit Australian Shepherds hat sie in der Regel kein Problem, mit dieser Rasse wurde sie während ihrer Welpenzeit wunderbar sozialisiert.
Luzi klebte in den ersten Wochen regelrecht an meinen Beinen - nicht weil sie etwa schon eine besondere Bindung zu mir aufgebaut hatte, sondern weil sie Angst davor hatte, in dieser furchterregenden Umgebung auf einmal alleine zu sein. Somit fiel es ihr auch anfangs schwer, das Alleinbleiben zu lernen, da war selbst Peppis Anwesenheit kein ausreichender Trost für sie.
Erschwerend kam hinzu, dass Luzi auch noch ein typischer junger Australian Shepherd war: Sie war sehr impulsiv, von null auf hundert in einer Zehntelsekunde, sie war sehr ungeduldig und hatte Probleme damit, frustrierende Situationen zu ertragen. Sobald sie sich aufregte, was quasi ständig der Fall war, fing sie an herumzuhopsen und schrill zu kläffen, was fürchterlich an meinen Nerven zerrte. Und eine gute Prise Territorialität bringt ein typischer Aussie natürlich auch noch mit.
Das größte Problem von allen war aber ihr tief sitzendes Misstrauen. Ich hatte den Eindruck, Luzi misstraute allem
und jedem. Selbst bei Menschen, die sie gut kannte, fiel es ihr schwer, Vertrauen zu fassen. Manchmal wirkte sie wie ein kleiner Wildhund. Sie wurde nervös, wenn ich ihr in die Augen sah, und sie erschrak, wenn sie ohne Vorwarnung angefasst wurde. Ich selbst hatte erst nach eineinhalb Jahren das Gefühl, dass das Eis gebrochen war und sie mir nun endlich vertraute. Erst ab diesem Zeitpunkt hat auch das Training mit ihr die ersten wirklichen Erfolge gebracht.
Ich kann nicht eindeutig sagen, warum Luzi so ist, wie sie ist, ich denke, es sind viele Faktoren, die einfach in sehr ungünstiger Weise zusammenspielten. Ich weiß aber, dass Luzi und ich jetzt langsam zu einem richtigen Team zusammenwachsen, auch wenn ich vor allem im ersten Jahr mit ihr häufig an meine Grenzen gestoßen bin und am Verzweifeln war. Auch Peppis ruhige und gelassene Art und die Tatsache, dass die beiden Mädels niemals aneinandergeraten sind und sich immer gut verstanden haben, egal wie Luzis Reaktion nach außen war, hat mir sehr geholfen.
Ein Genie auf vier Beinen
Natürlich hat Luzi auch viele nette Seiten: Sie ist zu Hause sehr schmusebedürftig und verspielt und im Haus angenehm ruhig. Sie lernt unwahrscheinlich schnell und merkt sich jede Erfahrung genau (aber leider prägen sich schlechte Erfahrungen bei ihr nachhaltiger ein als gute). Luzi ist auch überhaupt nicht geräuschempfindlich, weder Silvesterknaller noch der Staubsauger machen ihr etwas aus, vorbeifahrende LKW, Düsenjets oder die Sirenen am Samstagmittag lassen sie völlig kalt. Sie tobt und rennt leidenschaftlich gern, man könnte sagen, das Rennen ist ihr größtes Hobby, am liebsten hakenschlagend durchs Unterholz. Wenn es ans Arbeiten geht, egal ob Such-Aufgaben, Tricks, Agility, eine Bleib-Übung oder das Wegräumen meiner Schuhe, sie ist immer mit Feuereifer dabei. Das Apportieren hat sie in zehn Minuten gelernt, und Tricks muss ich ihr nur einmal mit Peppi vorführen - Luzi begreift alleine durchs Zuschauen, worum es geht, und macht es nach, als ob das das Einfachste der Welt wäre. Daher denke ich, dass sie im Prinzip alles lernen kann, wie schwer es auch ist, wenn man nur weiß, wie man es ihr vermitteln muss.
Das Training beginnt
Ein Hund wie Luzi benötigt vor allem einen Menschen, der ruhig und ausgeglichen reagiert, der schwierige Situationen vorhersieht und der sofort handelt, bevor der Hund auch nur daran denkt, selbst etwas zu tun. Da Luzi wie die meisten Aussies sehr impulsiv und extrem schnell in ihren Reaktionen ist, gilt es hier, noch schneller zu sein. Man muss mit einem solchen Hund auf jedem Spaziergang hundertprozentig wach sein und die Umgebung im Auge behalten. Einen sich nähernden Menschen oder Hund muss man als erster erkennen und Luzi körpersprachlich zeigen, dass man die Situation im Griff hat, sich also zwischen ihr und dem Entgegenkommenden bewegen und auch je nach Situation flexibel und schnell reagieren.
Rückschläge muss man einkalkulieren, denn jeder Mensch hat mal einen schlechten Tag, auch ich bin manchmal müde und unausgeglichen, und eine kleine Unachtsamkeit meinerseits macht sich sofort in Luzis Verhalten bemerkbar. Sie sieht, dass ich nicht hundertprozentig da bin, und sofort fällt sie in ihr altes Verhaltensmuster zurück. Das ist dann mein Fehler.
Dezember 2008: Oberste Priorität hat für mich Luzis Verhalten gegenüber fremden Menschen. Es ist nicht akzeptabel, dass sie Menschen anbellt, die sie anschauen oder ansprechen. Mit allen anderen Problemen kann ich leben, aber das geht gar nicht, daher arbeiten wir von Anfang an ganz besonders daran. - Wenn mir Menschen entgegenkommen, schiebe ich Luzi immer hinter mich, sodass kein direkter Blickkontakt zu den Menschen entsteht und sie sich beschützt fühlt. In der Bewegung klappt das gut. Wenn uns aber Menschen auf der Straße ansprechen, dann erträgt sie das noch nicht und fängt wieder an zu bellen. Da Luzi auch zu mir noch kein wirkliches Vertrauen gefasst hat, ist es nicht leicht für mich, ihr Sicherheit zu geben. Jeden Tag
versuche ich daher auch, ihr durch Ruhe und Entspannung zu Hause zu vermitteln, dass es ihr bei mir gut geht. - Die typischen Junghundprobleme, die die meisten Hunde in ihrem Alter zeigen, kommen natürlich noch hinzu, zum Beispiel plündert Luzi den Sack mit Trockenfutter, wenn wir die Küchentür auflassen, holt sich Essen vom Tisch, zerfleddert ihr Hundebett, Herrchens Wanderschuhe, eine Fußmatte, unseren Teppich usw. Das ist aber nicht schlimm, weil dieses Verhalten durch Erziehung einfach zu beeinflussen ist, und Luzi lernt extrem schnell. Weitaus größere Sorgen macht mir ihre scheue, defensive Art, denn hier geht es nicht nur darum, Regeln aufzustellen, sondern hier geht es darum, Emotionen zu verändern. Eine schwierige und langwierige Aufgabe.
Januar 2009: Seit dem Jahr 2005 bin ich zweimal im Monat als Lektorin im Kieler Magazin Verlag tätig. Die ruhige und freundliche Peppi war dort immer ein gern gesehener Gast. Luzi hingegen sah es gleich bei ihrem ersten Besuch im Verlag als ihre Aufgabe an, mein Büro gegen jeden, der auch nur im Flur vorbeiging, lautstark zu verteidigen. Wenn ich das verhindern wollte, musste ich ständig auf sie aufpassen und konnte mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Daher kaufe ich mir im Januar eine portable Transportbox für Luzi. Sie ist es bereits gewöhnt, bei uns zu Hause in einer offenen Box zu schlafen und liebt diese Höhle als Rückzugsort. Daher akzeptiert sie die Tatsache, dass sie von nun an bei unseren Besuchen im Verlag die Zeit in der Box verbringen muss, bereitwillig. Auch für sie ist es offenbar eine Erleichterung, nicht mehr ständig aufpassen und uns gegen die "Eindringlinge" verteidigen zu müssen. Wenn sich allerdings jemand herunterbeugt und in die Box schaut oder gar Luzi anspricht, dann knurrt sie, weil sie sich in die Ecke gedrängt fühlt. Ich achte daher darauf, dass die Box rundum geschlossen ist und niemand außer mir direkt hineinschauen kann.
Februar 2009: Luzi macht ihrem Namen alle Ehre und etabliert sich in unserer neuen Nachbarschaft als "Schrecken der Straße". Vor allem Hunde, die es wagen, rund um unser Haus aufzutauchen, werden gnadenlos angekläfft. Zu Luzis Unsicherheit allem Fremden gegenüber kommt in der Nähe unseres Hauses noch das rassetypische Territorialverhalten hinzu, sodass sie hier noch heftiger reagiert als an einem neutralen Ort. Da Luzi und Peppi mittlerweile ein eingespieltes Team sind, fängt nun leider auch unsere sonst so verträgliche Peppi an mitzustänkern, obwohl sie offensichtlich gar nicht weiß, wieso. Die typische Gruppendynamik, die wir ja auch von uns Menschen kennen, macht sich bemerkbar. Ich überlege, wie ich dieser unschönen Situation am besten Herr werde. - Bei unserer abendlichen Gassirunde kommt uns im Dunkeln eine Familie entgegen. Der Mann trägt eine Laterne, und ein kleines Kind sitzt auf seinen Schultern. Luzi hat eine so seltsame Zusammenstellung noch nie gesehen, sie findet die Gruppe extrem beängstigend und bellt wie wild. Dass der Mann uns daraufhin auch noch böse anpampt, steigert Luzis Ängstlichkeit und Nervosität noch mehr. Ganz schön frustrierend.
März 2009:
Auf dem Nachhauseweg vom Spaziergang sitzt ein kleiner Junge auf einer
Mauer und lässt die Beine baumeln. Als ich mit den Hunden fast an ihm
vorbei bin, springt er auf einmal von der Mauer herunter auf die Straße.
Luzi erschrickt dermaßen, dass sie mir bei dem Versuch, vor dem Jungen
zu fliehen, mit voller Wucht in die Beine rennt und mir regelrecht den
Boden unter den Füßen weghaut. Ich lande schmerzhaft auf dem Asphalt und
fluche natürlich erstmal lautstark vor mich hin - ich weiß, das ist ein
großer Fehler, denn mein Gefluche verbindet Luzi natürlich mit dem
Jungen, der ihrer Ansicht nach für die ganze Situation verantwortlich
ist, aber ich bin nunmal auch nur ein Mensch, und ich war in dem Moment
einfach stinksauer und nicht in der Lage, meinen Hund zu beruhigen, wie
es eigentlich notwendig gewesen wäre. Nun ja, dies kann ich wohl unter
der Liste der Rückschläge verbuchen, Luzi beobachtet kleine Jungen in
Zukunft noch misstrauischer als andere fremde Menschen.
April 2009: Jedes Mal, wenn wir aus dem Auto aussteigen, regt sich Luzi so über die Maßen auf, dass sie bis auf Schulterhöhe an mir hochpringt, mir in die Jacke kneift und schrill kläfft. Wir üben also in den nächsten Monaten jeden Tag das ruhige Aussteigen aus dem Auto. Durchatmen, Geduld, Ruhe und starke Nerven sind gefragt. - Luzi ist jetzt zum ersten Mal läufig. Die ersten Läufigkeiten sind wichtige Abschnitte für eine heranwachsende Hündin. Ich hoffe sehr, dass sie danach ein wenig ruhiger wird und sich selbst besser in den Griff bekommt. Zusätzlich üben wir weiter in verschiedenen Situationen Impulskontrolle und Frustrationstoleranz, was ihr aber nach wie vor unheimlich schwer fällt.
Mai 2009: Viel ruhiger ist mein Hibbel-Hund nach der ersten Läufigkeit noch nicht geworden, schade. Wir arbeiten weiter an ihrer Selbstkontrolle, machen ruhige Such- und Bleib-Übungen, arbeiten im Garten am Slalom und vermeiden alles, was Unruhe erzeugt. Wilde Ball- oder Frisbeespiele wären kontraproduktiv für sie. - Peppi hat Luzi vor kurzem beigebracht, dass es Spaß bringt, Wild aufzuscheuchen und ein Stückchen hinterherzulaufen. Na super, das hätte es jetzt wirklich nicht auch noch gebraucht ...
Juni bis August 2009: Ich habe mich entschlossen, zumindest die kleinen Gassigänge nur noch mit jedem Hund einzeln durchzuführen, auch wenn es viel Zeit kostet, das ist die einzige Möglichkeit, eine Verhaltensänderung herbeizuführen. Peppi soll sich Luzis Gezicke nicht abgucken und weiterhin freundliche Begegnungen mit anderen Hunden erleben. Und mit Luzi kann ich auch nur dann vernünftig an ihrem Verhalten arbeiten, wenn ich mit ihr alleine unterwegs bin und mich ganz auf sie konzentrieren kann. Aus Zeitgründen schaffe ich es leider nicht, auch unseren großen Spaziergang einzeln durchzuführen, da muss ich weiterhin beide zusammen mitnehmen, Konflikte mit anderen Hunden sind daher leider nicht immer vermeidbar.
September 2009: Wir waren das erste Mal mit beiden Hunden im Urlaub. Luzi hat sich dort eigentlich sehr gut benommen. Nur die Tatsache, dass die Vermieter unserer Ferienwohnung einen Hund hatten, der uns ab und zu im Hausflur begegnete, war ein wenig anstrengend. Schließlich waren die anderen Feriengäste verständlicherweise nicht begeistert, wenn abends um 22 Uhr auf einmal im Hausflur wildes Gekläffe begann. Im Zimmer waren unsere beiden Hunde aber gewohnt ruhig und gaben keinen Mucks von sich, auch nicht wenn sie den anderen Hund an der Zimmertür vorbeilaufen hörten. Im nächsten Urlaub werde ich darauf achten, dass ich ein einzelnes Ferienhaus oder eine Wohnung mit separatem Eingang finde.
Oktober 2009: Immer noch vertraut mir Luzi nicht hundertprozentig. Ich versuche, mit ihr Blickkontakt zu üben, um Begegnungen mit fremden Hunden und Menschen besser in den Griff zu bekommen, aber sie erträgt es nicht, mir in die Augen zu sehen. Sie windet sich und zeigt deutlich, wie bedrohlich sie den Blickkontakt zu mir findet. Schwierige Situationen versucht sie nach wie vor selbst zu regeln, und wenn Peppi sich von ihrer Stimmung anstecken lässt und sie zu zweit einen Hund anpöbeln, dann kann ich nichts weiter tun, als die Leinen festzuhalten, denn zu zweit haben sie ordentlich Kraft.
November bis Dezember 2009: Luzi ist zum zweiten Mal läufig, ich hoffe weiterhin auf eine Beruhigung durch die Hormonumstellung nach der Läufigkeit. Wenn ich sehr vorausschauend handele, bellt sie fremde Menschen jetzt kaum noch an. Ich muss aber vor allem in sehr engen Situationen (Türen, Fahrstuhl, Hausflur) weiterhin gut aufpassen und schnell sein, Luzi gegebenenfalls einen Ball oder ein Leckerli ins Maul schieben, damit sie den Stress abbauen kann und ihn nicht doch wieder durch Gebell herauslässt. Mittlerweile klappt es in engen Situationen gut, wenn Luzi nicht von den Menschen angeschaut oder gar angesprochen wird, aber das ist natürlich nicht immer machbar.
Januar 2010: Luzis extreme Art und die anstrengende Arbeit mit ihr bringen mich immer noch regelmäßig an meine
Grenzen. Hinzu kommt, dass ich momentan nicht so belastbar bin wie sonst, weil unsere Golden Retriever Hündin Paula kurz vor Silvester eingeschläfert werden musste und mich dieses traurige Ereignis viel Kraft kostet. Luzi fordert aber nach wie vor mein vorausschauendes Handeln, meine schnelle Reaktionsfähigkeit und meine ganze Aufmerksamkeit. Das Leben mit ihr ist unglaublich anstrengend. Manchmal wünsche ich mir die harmonische, ruhige Zeit alleine mit Peppi zurück, aber das ist ungerecht Luzi gegenüber. Sie kann nichts dafür, dass sie so ist wie sie ist.
Februar 2010: Luzi schafft es jetzt, sich beim Aussteigen aus dem Auto zu beherrschen und nicht gleich wieder in ihr hysterisches Gehopse und Gekläffe zu verfallen. Das heißt nicht, dass sie innerlich ruhig wäre. Ausgeglichenheit und Entspannung gibt es bei Luzi nur zu Hause - wenn wir unterwegs sind, ist sie immer aufgeregt. Sie entwickelt aber inzwischen immer mehr Selbstbeherrschung. Nur wenn besonders spannende Termine anstehen, zum Beispiel einer unserer Aussiespaziergänge, dann ist die Aufregung zu groß und sie hibbelt wieder herum, aber das ist auch verständlich. Irgendwann werden wir auch das im Griff haben.
März und April 2010: Luzi hat ihre Schwäche für kleine Hunde entdeckt. Vor allem Rauhhaardackel, Jack Russell Terrier und kleine Mischlinge haben es ihr angetan, und wenn es dann auch noch Rüden sind, dann kennt ihre Begeisterung keine Grenzen. Und auch mit den Faltengesichtern (Mops und Französische Bulldogge) kommt sie inzwischen gut zurecht. Luzi fängt schon an zu fiepen, wenn sie die Kurzbeinigen von weitem sieht, und hopst begeistert um sie herum, das ist richtig niedlich. Ihre Nackenhaare sind auch hierbei oft aufgestellt, wie immer bei Hundebegegnungen, aber das kommt in dem Fall nur von der großen Aufregung. Selbst als Luzi angeleint mit mir unterwegs war und auf einmal ein kleiner Hund auftauchte, lief die Begegnung erstaunlich freundlich ab. Bei so einem engen Zusammentreffen muss sie den Hund aber ganz besonders sympathisch finden, nicht jeder kleine Hund würde hierbei so gut wegkommen. Und rund um unser Haus herum werden von ihr weiterhin nur ganz wenige Hunde geduldet.
Mai 2010: Auf den täglichen Hundespaziergängen hat Luzi sich mittlerweile auch mit ein paar größeren Artgenossen angefreundet, die sie bis vor kurzem noch vehement angezickt hatte. Die Besitzer waren entspannt genug, um immer wieder Begegnungen zwischen den Hunden zuzulassen und auch mal ein Stückchen mit uns zusammen spazierenzugehen (an dieser Stelle vielen Dank an euch!), und nach einiger Zeit war das Eis gebrochen. Luzi hat hier sogar ein paar Hundefreunde gefunden, mit denen sie spielt, was bei ihr wirklich einer Sensation gleichkommt, denn normalerweise spielt sie mit keinem Hund außer Peppi! Aber wie Luzi nun einmal so ist, diese positiven Erfahrungen werden von ihr keineswegs auf andere Hunde übertragen. Fremde größere Hunde werden von ihr nach wie vor mit ernormem Misstrauen behandelt.
Juni 2010: Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich sehe, wie intelligent und scharfsinnig Luzi ist. Ich habe mehrere hauptsächlich selbstgebastelte oder von Herrchen gebaute Intelligenzspiele für meine Hunde, bei denen es in der Regel darum geht, über verschiedene Lösungsmöglichkeiten an ein paar Leckerlis heranzukommen. Peppi stürzt sich immer darauf und probiert wild alle Lösungsmöglichkeiten durch, die irgendwann einmal Erfolg gebracht hatten - das kann mal durch Zufall ganz schnell gehen, das nächste Mal dafür aber wieder länger dauern, weil sie dabei einfach keinen Plan hat. Luzi dagegen geht strategisch vor: Zuerst erschnüffelt sie, wo sich überhaupt die Leckerlis befinden. Danach überlegt sie sich ganz offensichtlich, wie sie am schnellsten an ihr Ziel kommt, und dann - zack, zack, zack - schon ist sie fertig. Das ist absolut faszinierend und eine wirklich tolle Leistung für einen Hund.
Juli bis August 2010: Wir haben jetzt einen Schafzaun um den Garten gespannt, und die Hunde dürfen ohne Leine im Garten laufen. Da sie nun weiter nach vorne kommen,fangen sie natürlich an zu bellen, wenn Hunde auf der Straße vorbeilaufen. Peppi alleine bellt nicht, aber sobald Luzi dabei ist, hat Peppi die größte Klappe von beiden, wieder mal die altbekannte Gruppendynamik. Da mich dieses Verhalten sehr stört, mache ich es mir zur Gewohnheit, denjenigen, der im Garten bellt, sofort ins Haus zu schicken. Er muss dann eine Weile drinnen bleiben und sich von dort aus ansehen, wie viel Spaß der andere draußen hat. Bei Luzi zeigt dieses Vorgehen sehr schnell Wirkung, sie lernt unheimlich schnell und begreift Zusammenhänge im Nu. Peppi braucht für so etwas immer etwas länger. Ab und zu lässt auch Luzi sich noch zum Bellen hinreißen, aber ich sehe, wie sich rasche Erfolge einstellen. Nach Luzis dritter Läufigkeit habe ich nun auch das Gefühl, dass sie tatsächlich in manchen Situationen ein bisschen beherrschter und entspannter wird. Sie ist jetzt zwei Jahre alt und als typischer Aussie damit noch längst nicht erwachsen, aber so langsam bemerke ich doch eine positive Entwicklung.
Rückblick auf unser Hütetraining, August 2010: Anfang 2009 habe ich Luzis Ausbildung als Koppelgebrauchshund angefangen. Mit sechs Monaten war sie das erste Mal an den Schafen, noch sehr vorsichtig und scheu. Bei ihrem zweiten Versuch im Alter von fast acht Monaten war sie schon viel mutiger. Im April und Oktober 2009 habe ich mit ihr Hüteseminare besucht. - Die verschiedenen Methoden der Ausbilder haben mich sehr nachdenklich gemacht. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das Hütetraining gut für Luzi ist. Ich habe eher das Gefühl, dass dieses ihre allgemeine Unsicherheit und ihre Neigung zum extremen Hochfahren und Explodieren noch vestärkt. Um dem entgegenzuwirken versuchte ich ab Januar 2010, Luzi in Anwesenheit der Schafe einfach nur zu beruhigen und zu entspannen. Es ging mir weniger um das Hüten, sondern erstmal darum, dass sie sich dabei nicht mehr so maßlos aufregt. Leider hatten wir sowohl 2009 als auch 2010 immer nur alle zwei Monate Zeit, um an den Schafen zu üben. Ein Training mit so großen Abständen ist nicht zielführend, man hat das Gefühl, immer wieder von vorne zu beginnen und das Training an demselben Punkt zu beenden, an dem man schon das letzte Mal aufgehört hatte. Fortschritte gibt es kaum. Aus diesen Gründen habe ich im Sommer 2010 beschlossen, mit Luzi eine Pause einzulegen und ihr erstmal Zeit zu geben, etwas ruhiger und selbstbeherrschter zu werden und sozusagen "ihre eigene Mitte zu finden". Ich habe meinen Schwerpunkt mehr auf das Alltagstraining mit ihr verlegt, das mir auch um einiges wichtiger war. Ich glaube, das war die richtige Entscheidung.
September 2010: Ein Durchbruch! Luzi kann mir erstmals ruhig und ohne Anzeichen von Nervosität auf mein Zeichen hin längere Zeit in die Augen sehen! Und nicht nur das, auch ihr gesamtes Verhalten mir gegenüber ist viel vertrauensvoller geworden. Sie richtet sich mehr nach mir als vorher, und in schwierigen Situationen sieht sie mich manchmal fragend an und wartet auf meine Entscheidung, anstatt sofort selbst loszustürmen. Es ist großartig, mein Hund vertraut mir! Endlich habe ich diese schwere Hürde überwunden! Ab jetzt kann das Training wirklich losgehen!
Oktober 2010: Bei unseren Besuchen im Kieler Magazin Verlag ist Luzi nun immer ruhiger und gelassener. Mittlerweile hat sie kein Problem mehr damit, wenn andere in ihre Box hineinschauen oder sich sogar danebenhocken und sie ansprechen. Sie zeigt sich dann zwar immer noch nicht kontaktfreudig, aber sie knurrt auch nicht mehr, sondern schaut sich das Ganze recht entspannt an. Ich beginne langsam, die Box nicht mehr zu allen Seiten abzuschirmen, sondern die Seitenverkleidungen zu öffnen, damit Luzi hinausschauen kann. Es stört sie nicht, dass die vorbeigehenden Leute sie dann auch sehen. Und auch im Fahrstuhl und in engen Durchgängen muss ich nicht mehr ganz so sehr auf sie aufpassen. Solange niemand sie direkt anspricht (alle Mitarbeiter des Verlags wissen, dass das keine gute Idee ist), bleibt sie ruhig hinter mir, aber sie ist sichtlich froh, wenn sie sich wieder in ihre Box verkriechen kann, wo sie "sicher" ist. Im Vergleich zu Peppi, die sich fröhlich bei allen ihre Streicheleinheiten abholt, ist das zwar immer noch ein Unterschied wie Tag und Nacht, aber immerhin, ich freue mich über unsere kleinen Erfolge!
November 2010: Luzi ist läufig, und wir machen eine Pause im Hundebegegnungstraining. Wir gehen jetzt auf
Wegen spazieren, auf denen uns nur selten Hunde entgegenkommen. - Begegnungen mit fremden Menschen verlaufen immer problemloser. Wenn ich Luzi an der Leine habe, und auf der Straße spricht mich jemand an, dann bleibt sie ruhig neben mir stehen. Sogar wenn die Leute sie im Gespräch direkt anschauen, wird sie nicht mehr nervös. Nur wenn sie so weit gehen, dass sie ihr die Hand hinhalten, dann fühlt sich Luzi bedroht. Aber statt bellend nach vorne zu gehen, wird sie nun in solchen Momenten eher hibbelig und springt an mir hoch und verleiht damit ihrer allgemeinen Aufregung Ausdruck. Ich beruhige sie und vergrößere den Abstand zu den Leuten so weit, dass es für Luzi in Ordnung ist. Im Vergleich zu dem Verhalten, das sie vor knapp zwei Jahren an den Tag legte, ist das ein riesiger Erfolg. Das Leben mit Luzi fängt an richtig Spaß zu machen!
Dezember 2010: Bisher hatte ich immer ein besonderes Auge auf Luzi, wenn mein kleiner Neffe, mittlerweile sechs Jahre alt, anwesend war. Sie kennt ihn zwar, aber Kinder sind ihr wegen ihres unberechenbaren Verhaltens noch viel unheimlicher als Erwachsene. Daher hatte ich zu Weihnachten auch die Transportbox mitgebracht. Als dann alle Geschenke ausgepackt waren, habe ich Luzi aus der Box gelassen und konnte mit Freude beobachten, dass sie seelenruhig neben meinem Neffen auf dem Boden lag, während wir gemeinsam seine Lego-Eisenbahn zusammenbauten. Ich bin stolz auf Luzis Fortschritte und die innere Gelassenheit, die sie in den letzten Monaten in vielen für sie an sich schwierigen Situationen gezeigt hat.
Januar 2011: Wir üben nun verstärkt Hundebegegnungen an der Leine. Ich achte darauf, dass wir ausreichend Abstand zu dem anderen Hund haben, und ich belohne Luzi für ruhiges Verhalten. Wenn Luzi nicht bellt, dann regt sich auch Peppi nicht auf. Das Training klappt von Mal zu Mal immer besser. Schwierig ist es nur dann, wenn wir keine Möglichkeit haben, Abstand zu dem anderen Hund zu wahren. Wenn er sehr dicht an uns vorbeigeht, fühlt Luzi sich bedrängt und verfällt wieder in ihr altes Verhalten. Aber im Großen und Ganzen machen wir gute Fortschritte.
Februar 2011: Ein Durchbruch! Heute kam uns auf dem Spaziergang eine Golden Retriever Hündin entgegen, die von Luzi bisher immer angezickt worden war. Alle Hunde liefen frei, und ich nahm ein paar Leckerlis aus der Tasche, um die verfressene Peppi damit an meiner Seite zu halten, da ich meine Hunde nach Möglichkeit niemals zu zweit auf einen einzelnen Hund zulaufen lasse. Wenn Luzi erstmal alleine - ohne Rückendeckung durch Peppi - auf den anderen Hund zugeht, dann ist ihr Verhalten auch wesentlich weniger heftig, weil sie im Grunde doch ein großer Angsthase ist und immer nur so tut, als sei sie die Queen of Flintbek. Ich dachte also, Luzi würde ihr altbekanntes Schema abspielen, erstmal mit gesträubten Nackenhaaren und wild knurrend auf den anderen Hund zulaufen, damit der möglichst schon im Vorfeld die Flucht ergreift und nicht merkt, dass Luzi selbst vor Angst die Hosen voll hat. Aber - weit gefehlt! Luzi lief ein paar Schritte auf den anderen Hund zu, überlegte es sich dann offensichtlich anders, kam zu mir zurück (ohne dass ich etwas gesagt hätte) und wollte definitiv lieber ein Leckerli haben als den Hund anzupöbeln. Sie ging haargenau nach dem Muster vor, das wir immer bei Hundebegegnungen an der Leine üben, nur hatte dies im Freilauf bisher noch nie geklappt. Ich war völlig verblüfft und lobte meinen tollen Hund natürlich in den Himmel! Was war das fantastisch, ich konnte es kaum fassen! - Am nächsten Tag trafen wir diese Hündin wieder, und erneut entschied sich Luzi dafür, lieber das Leckerli zu nehmen und den Hund dafür in Ruhe zu lassen. Toll, ich platze fast vor Stolz!
März 2011: Im Kieler Magazin Verlag muss ich jetzt nicht mehr sonderlich auf Luzi aufpassen, mittlerweile kennt sie die Leute, die da herumlaufen, und hat auch keine Angst mehr, wenn sie mal direkt angesprochen wird. Sie lässt sich sogar von einigen ausgewählten Personen gerne streicheln. Der Verlag befindet sich allerdings im 4. Stock, und ich muss mit den Hunden durch mehrere Türen hindurch und dann entweder Treppen laufen oder Fahrstuhl fahren, und unterwegs begegnen uns auch immer wieder fremde Menschen. Dieses Treppenhaus war anfangs eine sehr große Herausforderung für Luzi, mittlerweile hat sie sich aber auch daran gewöhnt. In diesem Monat gab es allerdings zwei Situationen, bei denen ich nicht gedacht hätte, dass sie sie so toll meistert: Am Monatsanfang (mein Lektoratstag für die Kielside) stand jemand Unbekanntes vor dem Fahrstuhl, als wir vom Gassigehen im Hiroshimapark zurückkamen. Noch vor einem Jahr hätte ich mich nicht getraut, mit Luzi gemeinsam mit diesem Fremden in den Fahrstuhl zu gehen, aber da sie sich in letzter Zeit so gut gemacht hatte, habe ich es riskiert. Ich setzte Luzi in eine Ecke und stellte mich halb vor sie, um ihr Sicherheit zu geben. Und dann ging der Trubel los: Der Fahrstuhl hielt im ersten Stock, eine zweite Person kam herein, wurde aus dem Büro nochmal gerufen, rief lautstark zurück, lief dann nochmal schnell ins Büro, um etwas zu holen, kam ebenso schnell gemeinsam mit noch einer Person wieder in den Fahrstuhl zurückgesprungen, drei wildfremde Menschen, schnelle Bewegungen, laute Geräusche - für Luzi wäre das alles vor einem Jahr noch ein Horrorszenario gewesen. Aber sie blieb ruhig, schaute sich ein wenig skeptisch das Ganze an, gab aber keinen Mucks von sich. Ich erkannte meinen Hund kaum wieder, für sie war das eine unglaubliche Leistung! - Am Monatsende (mein Lektoratstag für die diva) gab es erneut eine schwierige Situation. Wieder kamen wir vom Gassigang zurück, da öffnete uns eine fremde Dame die Tür, um uns hindurchzulassen. Als die Hunde gerade mitten in der Tür und ganz dicht neben ihr waren, beugte sie sich ein wenig hinunter und sagte "Na, ihr beiden". Mir rutschte das Herz in die Hose, denn genau diese Situation war für Luzi früher eine eindeutige Bedrohung, auf die sie ausnahmslos immer abging wie eine Rakete. Aber nichts passierte. Luzi lief zügig an der Dame vorbei und ließ nicht das leisteste Knurren hören. Ich atmete auf und war gleichzeitig unheimlich stolz auf meinen Hund. Wenn das jetzt schon so toll klappt, dann kriegen wir mit viel Geduld bestimmt auch alle anderen Probleme noch in den Griff.
April 2011: Wir hatten wieder einen kleinen Rückschlag, was Hundebegegnungen an der Leine betrifft. Luzi war morgens an der Ecke unserer Straße (also eindeutig mitten in ihrem Revier) am Schnuppern, und ich hörte, dass sich Schritte näherten. Ich konnte nicht sehen, wer da kam, aber aus irgendeinem Gund war ich davon überzeugt, dass kein Hund dabei war und ich Luzi daher ruhig noch weiterschnuppern lassen konnte. Auf einmal standen eine Frau, ein Kind und ein Pudel vor mir, und Luzi ging natürlich ab wie eine Furie, weil die da auf einmal in ihrer Straße auftauchten und dann auch noch direkt vor ihr. Da wir uns an einer Kreuzung befanden, wusste ich nicht, wohin die drei wollten und konnte ihnen daher auch nicht vernünftig ausweichen. Ich fürchte Luzi hat vor allem dem Kind einen gehörigen Schrecken eingejagt. Ich war sauer - vor allem auf mich selbst, weil ich nicht vorausschauend genug gehandelt hatte. Ich hätte nachsehen müssen, wer sich da nähert, und dann im Vorfeld so weit ausweichen, dass Luzi die Konfrontation mit dem Hund erträgt, denn vor allem wenn wir uns so eindeutig in ihrem Revier befinden, dann braucht sie viel mehr Abstand zu anderen Hunden als auf neutralem Gelände. Sie ist ein sehr territorial denkender Hund, und das wird sich vermutlich auch nie ändern. Es liegt an mir, richtig damit umzugehen. - Es gibt aber auch viel Positives zu berichten: Im Garten bellt Luzi keine Hunde mehr an, die am Grundstück vorbeilaufen! Sogar wenn die anderen Hund bellen, wedelt sie zwar aufgeregt, gibt aber keinen Ton von sich. Nur Peppi wufft ab und zu nochmal, hört aber schnell auf, da Luzi nicht mehr mitmacht. Und - sensationell! - die Hunde sind jetzt sogar abrufbar, wenn sie außerhalb des Gartenzauns ihren Lieblingsfeind, den Nachbarskater, entdeckt haben, der sich mal wieder einen Spaß daraus macht, betont langsam vorbeizustolzieren.
Mai 2011: Luzis Bruder Tayler hat letzten Monat eine sehr anspruchsvolle Begleithundeprüfung bestanden, bei der auch fremde Menschen an den abgelegten Hunden vorbeiliefen, stehenblieben und sich zu ihnen hinunterbeugten. Tayler hat ungefähr dieselben Probleme mit fremden Menschen wie Luzi, daher war es für ihn eine enorme Leistung, das zu ertragen. Seine Besitzerin hatte sehr lange mit ihm für diese Prüfung geübt und meinte dann zu mir: "Es ist schon komisch, dass wir uns so darüber freuen, wenn unsere Hunde niemanden anknurren, und für andere Hundebesitzer ist das ganz selbstverständlich." Ja, sie hat recht, man bekommt mit so einem Hund eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Ich bin so froh, dass Luzi und ich diese schlimme Zeit hinter uns gelassen haben. Nur wenn Luzi sehr aufgeregt ist, kann es in seltenen Fällen nochmal vorkommen, dass sie auf Ansprache eines Menschen mit Knurren reagiert, das aber eher beiläufig und lange nicht mehr mit der Vehemenz, die sie zu Anfang gezeigt hat. Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis sie auch das ganz abgelegt hat. Von Fremden anfassen lässt sie sich immer noch nicht, aber das wäre auch zu viel erwartet. Vielleicht irgendwann, mit der Zeit ... - Ich bin momentan viel auf mir bisher unbekannten Wegen in den Wäldern rund um Kiel unterwegs, weil ich nach geeigneten Strecken für unsere Hundewanderungen suche. Wenn wir hier andere Hunde treffen, die natürlich angeleint sind, genau wie meine eigenen Hunde, dann ist Luzi erstaunlich entspannt. Hier hat sie keine Revieransprüche anzumelden, hier kennt sie sich nicht aus, und daher ist sie viel weniger zickig, als ich das sonst so von ihr kenne. Da sie gerade mal wieder läufig ist, muss unser sonstiges Hundebegegnungstraining erstmal Pause machen. Aber wir werden natürlich weiter daran arbeiten. - Am 16.05. läuft morgens während unserer Gassirunde ein Feldhase ziellos im Ort von einem Grundstück zum nächsten, wieder auf die Straße und zurück über die Grundstücke. Offenbar hat er sich verlaufen. Luzi, mit der ich zuerst draußen bin, verfällt in ihr hysterisches Kreisch-Kläffen, das sie immer zeigt, wenn sie ein Jagdobjekt sieht und an der Leine festgehalten wird. Morgens um acht mitten im Wohngebiet ist dieses Gekreische ganz schön peinlich. Ich tue erstmal mein Möglichstes, um sie schnell zu beruhigen. Auch als ich danach mit Peppi draußen bin, läuft uns der Hase über den Weg. Peppi ist auch sehr aufgeregt, lässt ihre Aufmerksamkeit mit Leckerlis aber schnell wieder auf mich lenken. Ich hoffe, dass den Hasen dieser Ausflug in den Ort nicht sein Leben kostet.
Juni 2011: Während ich mir seit einigen Woche viele Sorge um Peppi mache, die wegen einer Gebärmutterentzündung operiert werden musste und sich nicht so gut von der OP erholt, wie ich gehofft hatte, macht Luzi mir in dieser Zeit nur Freude. Sie ist seit zwei Wochen spürbar gelassener in vielen Situationen und einfacher zu lenken als bisher. In der Kieler Innenstadt lief sie Ende Mai so locker durch die Straßen, als täte sie das jeden Tag, und Hundebegegnungen an der Leine laufen immer problemloser ab. Ihre zappelige Art zeigt sie nur noch selten, und das, obwohl sie durch Peppis Krankheit momentan wirklich ein bissschen zu kurz kommt. Sie ist sogar erstmalig ein paar Stunden ganz alleine zu Hause geblieben, während ich mit Peppi
beim Tierarzt war, und auch das hat wunderbar geklappt. Ich bin stolz auf die Kleine! - Ende Juni hat sich Peppi endlich vollständig von der Operation erholt. Ihr geht es wieder richtig gut, und sie ist viel fröhlicher und verspielter als in den letzten Monaten. Luzi hat unseren Besuch in der Kieler Innenstadt während des Kieler-Woche-Trubels wunderbar gemeistert, und auch eine enge Fahrstuhlsituation mit zwei fremden Männern, die sie sogar direkt ansprachen, hat sie ruhig und ohne einen Ton von sich zu geben erduldet. In Situationen, in denen sie unsicher ist, hat sie es sich jetzt zur Angewohnheit gemacht, öfter zu mir hochzuschauen und nach Bestätigung zu suchen. Das macht es mir sehr leicht, ihr durch kleine Signale zu verstehen zu geben, was ich von ihr erwarte. Die Kommunikation zwischen uns klappt nun auch in ungewohnten und schwierigen Situationen immer besser.
Juli 2011: Unser gesamter Alltag klappt immer besser. Wenn wir auf neutralem Gelände, auf das Luzi keinen Territorialanspruch erhebt, auf fremde Hunde treffen, laufen die Begegnungen immer problemloser ab. Sowohl mit als auch ohne Leine kommt Luzi mit fast allen anderen Hunden gut klar, und wenn sie doch mal provoziert oder meint, Angriff sei die beste Verteidigung, dann lässt sie sich jetzt auch sehr gut von mir ausbremsen. Rund um unser Haus läuft es noch nicht ganz so entspannt, aber da ich Luzi dort immer an der Leine habe, kann ich sie meist etwas abseits absetzen, damit die anderen Hunde unbehelligt vorbeilaufen können. So ist das nun einmal, wenn man sich eine Hunderasse aussucht, die für ihr Territorialverhalten bekannt ist. Dann muss man auch damit klarkommen, wenn der Hund dieses Verhalten zeigt. Mit unseren Fortschritten bin ich sehr zufrieden.
August 2011: Luzis Verhalten schwankt in diesem Monat auffallend. Mal ist sie gut drauf und friedlich, dann wieder besonders kratzbürstig gegenüber fremden Hunden und fühlt sich auch von Menschen wieder schneller bedroht, ohne dass ich einen eindeutigen äußeren Grund dafür erkennen kann. Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass ihr die Analbeutel zu schaffen machen. Da wir sowieso demnächst zum Impfen müssen, werde ich meinen Tierarzt auf jeden Fall bitten, dies zu kontrollieren. Das wäre eine sehr einfache Erklärung für ihr Verhalten, denn das kennen wir ja von uns selbst: Wenn es uns nicht gut geht, sind wir auch schneller gereizt und weniger tolerant als sonst. Vielleicht findet sich hier des Rätsels Lösung.
September 2011: Unsere Lu hat ihren jährlichen Impftermin gut überstanden. Außer der Impfung gab es in den fast drei Jahren, die sie nun bei uns lebt, noch nie einen nennenswerten Grund, den Tierarzt aufzusuchen, sie war bisher immer gesund und topfit, abgesehen von kleineren Pfotenverletzungen, die sie sich bei ihrer wilden Rennerei hin und wieder zuzieht. - Unser aktuelles Aussietreffen fand diesmal im Wildpark statt. Luzi, die sehr auf die Einhaltung ihrer Individualdistanz besteht, teilte zwar jedem Hund, der ihr in dieser Situation (an der Leine) zu nahe kam, deutlich mit, dass sie von der Idee nichts hielt, war aber sonst friedlich und mit Begeisterung bei der Sache. Als wir anschließend zusammensaßen und ein paar Pommes aßen, lag sie ruhig neben mir und ließ Kinder und Hunde dicht an sich vorbeilaufen, ohne auch nur die geringste Unsicherheit zu zeigen. - Mitte September waren wir im Urlaub. Hier zeigte Luzi sich von ihrer besten Seite und ließ sich nach der Fütterung einiger Leckerlis sogar von unseren Ferienhaus-Vermietern streicheln! Auf allen Wanderungen war sie begeistert dabei, und auch unseren Ausflug in die Großstadt Dresden und unsere Pausen in diversen Restaurants machte sie wunderbar mit.
Oktober 2011: Der Oktober ist ein Auf und Ab, da Luzis Hormone kurz vor der Läufigkeit mal wieder ihr Verhalten stark beeinflussen. Mal läuft alles super, und sie ist freundlich zu Mensch und Tier, und dann zickt sie wieder alles um sich herum an. Zwei Tage lang war es so extrem, dass sie sogar vor mir und Peppi Angst hatte. Unglaublich, was Hormonschwankungen mit einem Hund so alles anstellen. Naja, wir Frauen kennen das ja manchmal auch... Jetzt, Ende Oktober, ist Luzi läufig, und ihr Verhalten hat sich wieder normalisiert. Nur stellt sie nun auf dem Spaziergang ihre Ohren gerne mal auf Durchzug, wenn sie gerade "wichtige" Pinkelstellen anderer Hunde erschnuppert. Das kenne ich aber schon von ihr, das wird sich nächsten Monat von selbst wieder geben.
November 2011: Ende dieses Monats hat sich Luzis Hormonhaushalt wieder normalisiert. Sie achtet auf den Spaziergängen wieder mehr auf mich, und daher kann die Schleppleine jetzt zu Hause bleiben. Für ihre Verhältnisse macht sie einen recht ausgeglichenen Eindruck, ist verspielt und gut gelaunt. So macht der Alltag mit ihr und Peppi richtig Spaß.
Dezember 2011: Luzi ist weiterhin für ihre Verhältnisse sehr entspannt und lieb. Im Dezember waren wir zu einer Familienfeier eingeladen, bei der es sehr voll und eng war, und einige der Anwesenden hatte Luzi noch nie zuvor gesehen. Trotzdem ließ sie sich von allen streicheln und verhielt sich vorbildlich. Wenn mein Neffe ihr zu dicht auf die Pelle rückte, wich sie ihm selbstständig aus, anstatt die Konfrontation zu suchen, was ich natürlich mit einem besonderen Lob würdigte. Genau dieses Verhalten möchte ich gerne sehen. Abgesehen davon, dass sie manche Hunde immer noch nicht mag - was ich aber auch in Ordnung finde, schließlich mag ich auch nicht jeden Menschen - ist Luzi zu einem wundervollen Begleiter geworden. Natürlich muss ich bei ihr aufmerksamer sein und schneller reagieren als bei einem gut sozialisierten Hund, aber wenn ich ihr heutiges Verhalten mit dem vor drei Jahren vergleiche, ist es kaum zu glauben, dass es sich um denselben Hund handelt.
Januar 2012: Unseren Umzug haben beide Hunde gut überstanden. Man sieht, dass sie sich wohl fühlen und es ihnen hier auf dem Dorf sehr gut gefällt. Luzi hat sogar schon zwei Freunde gefunden: Zwei kleine Rüden hier aus dem Dorf haben es ihr angetan - vor allem ein kleiner Mischling aus Spanien, der schräg gegenüber wohnt, hat ihr Herz im Sturm erobert. Wenn sie ihn nur von weitem sieht, fängt sie schon an zu fiepen. Bei großen Hunden ist sie wie immer gewohnt misstrauisch und signalisiert Verteidigungsbereitschaft, Begegnungen an der Leine klappen aber recht gut. Obwohl wir neben der Haustür ein Fenster haben, durch das die Hunde heraussehen können, sind sie im Haus weiterhin angenehm ruhig und bellen selbst dann nicht, wenn der Nachbarshund draußen herumläuft. Ich bin sehr zufreiden mit den beiden.
Februar 2012: Anfang Februar ist bei uns nun doch noch der Winter eingekehrt. Eis und Schnee machen einerseits den Autofahrern das Leben schwer, verwandeln andererseits aber auch die Landschaft hier draußen in ein regelrechtes Winterwunderland. Die Hunde finden es toll und toben über die Felder. Leider sind die Stoppeln auf den abgeerneten Maisfeldern durch die Kälte messerscharf, so dass sich Luzi den Ballen einer Hinterpfote aufgeschnitten hat. Da Luzi die Verletzung kaum stört, würde sie sich von selbst auch nicht schonen. Das bedeutet nun leider eine Zeitlang Spaziergänge an der Leine und einen nervigen Hundeschuh am Fuß. Ich merke, wie sich Tag für Tag mehr Energie in dem kleinen Powerpaket ansammelt. - Mitte Februar ist die Verletzung endlich so weit geheilt, dass Luzi wieder ohne Leine laufen kann. Der Schnee ist inzwischen geschmolzen, und ich stelle fest, dass der Schuh dem knietiefen Matsch auf den Feldern nicht gewachsen ist. Wenn wir nach Hause kommen, hat Luzi einen einzigen Schlammklumpen am Fuß. Naja, es scheint ihr nichts auszumachen. - Luzi musste nun zum ersten Mal in ihrem bereits dreieinhalbjährigen Leben unter die Dusche! Bisher war das nie nötig gewesen, aber nun hatte sie sich auf einem frisch gedüngten Feld gewälzt, und das überstieg dann doch meine Toleranzgrenze. Es war nicht leicht sie zu überreden, mit mir in die Duschkabine zu kommen, das war ihr sichtlich unheimlich. Das Abduschen ließ sie dann aber brav über sich ergehen - zwar sehr unentspannt, aber immerhin ohne großes Gezappel. Das hat sie wirklich toll gemacht.
Hier lesen Sie demnächst, wie das Training mit Luzi weitergeht ...